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Gotthard Bonell "Némesis"
Ausstellungen
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Gotthard Bonell "Némesis"

BESCHREIBUNG

Opening: Freitag, 18. September, 18.00 Uhr

Einführung und Text: Daniela Ferrari

Der Künstler wird anwesend sein. 

Wir freuen uns auf Ihren Besuch. 

Unter den großen Themen, zu denen Gotthard Bonell unablässig zurückkehrt, nimmt die Berglandschaft einen besonderen, ja höchst riskanten Platz ein. Kaum ein Motiv wird so häufig behandelt wie der Berg, und doch gelingt es nur wenigen Künstler*innen, ihn dem bereits Gesehenen zu entziehen.

Bonell gelingt dies, weil er ihn nicht schlicht und einfach als Motiv in der Nachfolge einer fernen Tradition malt, sondern ihn als interpretatorischen Vorwand nutzt. Die Berge seiner Kindheit, die er für Venedig und Mailand verlassen und später wiedergefunden hat, werden zu Hütern einer Erinnerung, der sich der Künstler lauschend zuwendet, mit einer Haltung, die romantisch und zugleich illusionslos ist, wie beim Wanderer über dem Nebelmeer von Caspar David Friedrich, und doch im Bewusstsein, Zeuge einer unerbittlichen Nemesis zu sein.

Diesen Prozess einer unausweichlichen Veränderung der Naturgesetze, die durch die Gewalt des Menschen aus den Fugen geraten, übersetzt der Künstler in unzählige Interpretationen des Themas Berg. Er stellt den Fels dar, seine Klüfte, die im Schatten verborgenen Wände, das Erwachen der Natur im ersten Licht des Tages sowie die Spiegelung des Berges im unbewegten Wasser stiller Seen, die in windloser Luft ruhen. Das Licht behandelt er in Anlehnung an die grünlich-blauen Himmel des 16. Jahrhunderts und die Atmosphären des 17. Jahrhunderts, mit Augen, die sich von den Meisterwerken des Impressionismus genährt haben, und vor allem mit dem Bewusstsein, dass man auf die Tradition zurückblicken muss, um sie zu verraten, zu verwandeln und auf diese Weise die eigene Sichtweise wiedergeben zu können. In seine Malerei schleicht sich mit aller Wucht eine innere Interpretation ein, die kaum wahrnehmbare Verwandlungen der Wirklichkeit hervorbringt. Man erkennt sie an den chromatischen Aufflammungen bestimmter säuerlicher Grüntöne, die beinahe künstlich und ungewöhnlich wirken.

Bonell malt, getrieben von einer Notwendigkeit, die ihm keine Ruhe lässt, und befragt den Gegenstand immer unmittelbar, in einem direkten Verhältnis zur Wirklichkeit, das ihn eher der großen Tradition der Malerei annähert, jener von Leonardo, Tizian, Albin Egger-Lienz, als den Positionen der Gegenwart. Er ist ein „klassischer“ Maler, wenn man so sagen darf.

Das wird noch deutlicher, wenn man sein Atelier betritt, das sehr an das eines Malers vergangener Zeiten erinnert. Die Luft duftet nach Öl und Terpentin, überall liegen Farbtuben verstreut, dazu ein Bukranion, überaus zerbrechliche trockene Blätter, duftende Früchte, ein Totenschädel, Skizzen und Zeichnungen. Ein Spiegel, der gegenüber den Bildern hängt, reflektiert ihre Darstellungen und vervielfacht deren Distanz, sodass der Blick zu einer weiteren Vermittlung gezwungen wird. Hier arbeitet Bonell in Schichten und vermischt die Techniken so weit, dass sie nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. Ein Gemälde, das von raffiniert malerischer Dichte scheint, verbirgt die Leichtigkeit einer Zeichnung, die auf hauchdünne, mehrfach auf die Leinwand geklebte Seidenpapiere übertragen wurde. Bisweilen bringt der Künstler auf einem Collagegrund aus Zeitungsausschnitten und alten Drucken, in einem beinahe kindlichen Spiel, kleine Stücke dünnen Papiers an, die er anschließend übermalt. Zeichnen, Auslöschen, Aufkleben und Übermalen sind Teil eines langsamen und geduldigen Prozesses. Das Werk scheint dabei all das zu bewahren, was getan und wieder verworfen wurde, ebenso wie all das, was inzwischen nicht mehr sichtbar ist.

Der Zeichnung vertraut Bonell seit mehr als vierzig Jahren den intimsten und am wenigsten zur Schau gestellten Teil seiner künstlerischen Suche an: eine unmittelbare, beinahe seismografische Praxis, in der der Strich unmittelbar den obsessiven Blick festhält, mit dem der Künstler die Wirklichkeit verinnerlicht und in etwas Mehrdeutiges, mitunter Surreales verwandelt. Seine Bildsprache durchquert den strengen Linearismus bis hin zu Mischtechniken mit Farbstiften und löst in den jüngsten Arbeiten Körper und Landschaften in einem dichten Geflecht feiner Linien auf, worin auch Bonells Tätigkeit als Meister der Druckgrafik nachklingt.

Auch im Stillleben, einem Genre, das Bonell mit derselben Intensität wie Landschaft und Porträt betreibt, kehrt der Körper wieder, maskiert in Samen und Früchten von wollüstig-prächtigen Formen und strotzender Beschaffenheit: rätselhafte Kompositionen, reich an einer diffusen Sexualität, die Bonell mit dem Blick von Robert Mapplethorpe teilt.

So wie wir in der Natur im Gestein die über Jahrtausende bewahrten Ammoniten erkennen, entdecken wir auch im Geflecht der Formen Bonells die Umrisse ausgestreckter Körper und anatomische Details, die sich in der Landschaft oder in pflanzlicher Materie verbergen: Das Geheimnisvolle und die Mehrdeutigkeit des Strichs sind dabei keine bloße stilistische Eigenheit, sondern der eigentliche Knotenpunkt seiner Poetik, das Verlangen nach Erkenntnis und zugleich nach Teilhabe an Körper und Natur, die ihn aufnimmt.

Hier, im Grunde, finden alle Themen Bonells wieder zusammen: Körperlichkeit und Sexualität, Vergänglichkeit und Tod sind Fragen, so alt wie die Menschheit selbst, und seine Malerei nimmt sie auf, ohne Trost zu bieten, doch auch ohne Verzweiflung, und gibt uns eine zerbrechliche Schönheit zurück, gerade in der Hinfälligkeit des Daseins.

Daniela Ferrari

Uhrzeit

Beginn: 18.09.2026 18:00 Uhr

VERANSTALTUNGSORT

Galerie Alessandro Casciaro
Kapuzinergasse 26a , 39100 Bozen
in Google Maps anzeigen

Tickets & Preise

Öffnungszeiten Mo-Fr 09.00-12.30, 15.00-18.00 Sa 10.00-12.30

BESCHREIBUNG

Opening: Freitag, 18. September, 18.00 Uhr

Einführung und Text: Daniela Ferrari

Der Künstler wird anwesend sein. 

Wir freuen uns auf Ihren Besuch. 

Unter den großen Themen, zu denen Gotthard Bonell unablässig zurückkehrt, nimmt die Berglandschaft einen besonderen, ja höchst riskanten Platz ein. Kaum ein Motiv wird so häufig behandelt wie der Berg, und doch gelingt es nur wenigen Künstler*innen, ihn dem bereits Gesehenen zu entziehen.

Bonell gelingt dies, weil er ihn nicht schlicht und einfach als Motiv in der Nachfolge einer fernen Tradition malt, sondern ihn als interpretatorischen Vorwand nutzt. Die Berge seiner Kindheit, die er für Venedig und Mailand verlassen und später wiedergefunden hat, werden zu Hütern einer Erinnerung, der sich der Künstler lauschend zuwendet, mit einer Haltung, die romantisch und zugleich illusionslos ist, wie beim Wanderer über dem Nebelmeer von Caspar David Friedrich, und doch im Bewusstsein, Zeuge einer unerbittlichen Nemesis zu sein.

Diesen Prozess einer unausweichlichen Veränderung der Naturgesetze, die durch die Gewalt des Menschen aus den Fugen geraten, übersetzt der Künstler in unzählige Interpretationen des Themas Berg. Er stellt den Fels dar, seine Klüfte, die im Schatten verborgenen Wände, das Erwachen der Natur im ersten Licht des Tages sowie die Spiegelung des Berges im unbewegten Wasser stiller Seen, die in windloser Luft ruhen. Das Licht behandelt er in Anlehnung an die grünlich-blauen Himmel des 16. Jahrhunderts und die Atmosphären des 17. Jahrhunderts, mit Augen, die sich von den Meisterwerken des Impressionismus genährt haben, und vor allem mit dem Bewusstsein, dass man auf die Tradition zurückblicken muss, um sie zu verraten, zu verwandeln und auf diese Weise die eigene Sichtweise wiedergeben zu können. In seine Malerei schleicht sich mit aller Wucht eine innere Interpretation ein, die kaum wahrnehmbare Verwandlungen der Wirklichkeit hervorbringt. Man erkennt sie an den chromatischen Aufflammungen bestimmter säuerlicher Grüntöne, die beinahe künstlich und ungewöhnlich wirken.

Bonell malt, getrieben von einer Notwendigkeit, die ihm keine Ruhe lässt, und befragt den Gegenstand immer unmittelbar, in einem direkten Verhältnis zur Wirklichkeit, das ihn eher der großen Tradition der Malerei annähert, jener von Leonardo, Tizian, Albin Egger-Lienz, als den Positionen der Gegenwart. Er ist ein „klassischer“ Maler, wenn man so sagen darf.

Das wird noch deutlicher, wenn man sein Atelier betritt, das sehr an das eines Malers vergangener Zeiten erinnert. Die Luft duftet nach Öl und Terpentin, überall liegen Farbtuben verstreut, dazu ein Bukranion, überaus zerbrechliche trockene Blätter, duftende Früchte, ein Totenschädel, Skizzen und Zeichnungen. Ein Spiegel, der gegenüber den Bildern hängt, reflektiert ihre Darstellungen und vervielfacht deren Distanz, sodass der Blick zu einer weiteren Vermittlung gezwungen wird. Hier arbeitet Bonell in Schichten und vermischt die Techniken so weit, dass sie nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. Ein Gemälde, das von raffiniert malerischer Dichte scheint, verbirgt die Leichtigkeit einer Zeichnung, die auf hauchdünne, mehrfach auf die Leinwand geklebte Seidenpapiere übertragen wurde. Bisweilen bringt der Künstler auf einem Collagegrund aus Zeitungsausschnitten und alten Drucken, in einem beinahe kindlichen Spiel, kleine Stücke dünnen Papiers an, die er anschließend übermalt. Zeichnen, Auslöschen, Aufkleben und Übermalen sind Teil eines langsamen und geduldigen Prozesses. Das Werk scheint dabei all das zu bewahren, was getan und wieder verworfen wurde, ebenso wie all das, was inzwischen nicht mehr sichtbar ist.

Der Zeichnung vertraut Bonell seit mehr als vierzig Jahren den intimsten und am wenigsten zur Schau gestellten Teil seiner künstlerischen Suche an: eine unmittelbare, beinahe seismografische Praxis, in der der Strich unmittelbar den obsessiven Blick festhält, mit dem der Künstler die Wirklichkeit verinnerlicht und in etwas Mehrdeutiges, mitunter Surreales verwandelt. Seine Bildsprache durchquert den strengen Linearismus bis hin zu Mischtechniken mit Farbstiften und löst in den jüngsten Arbeiten Körper und Landschaften in einem dichten Geflecht feiner Linien auf, worin auch Bonells Tätigkeit als Meister der Druckgrafik nachklingt.

Auch im Stillleben, einem Genre, das Bonell mit derselben Intensität wie Landschaft und Porträt betreibt, kehrt der Körper wieder, maskiert in Samen und Früchten von wollüstig-prächtigen Formen und strotzender Beschaffenheit: rätselhafte Kompositionen, reich an einer diffusen Sexualität, die Bonell mit dem Blick von Robert Mapplethorpe teilt.

So wie wir in der Natur im Gestein die über Jahrtausende bewahrten Ammoniten erkennen, entdecken wir auch im Geflecht der Formen Bonells die Umrisse ausgestreckter Körper und anatomische Details, die sich in der Landschaft oder in pflanzlicher Materie verbergen: Das Geheimnisvolle und die Mehrdeutigkeit des Strichs sind dabei keine bloße stilistische Eigenheit, sondern der eigentliche Knotenpunkt seiner Poetik, das Verlangen nach Erkenntnis und zugleich nach Teilhabe an Körper und Natur, die ihn aufnimmt.

Hier, im Grunde, finden alle Themen Bonells wieder zusammen: Körperlichkeit und Sexualität, Vergänglichkeit und Tod sind Fragen, so alt wie die Menschheit selbst, und seine Malerei nimmt sie auf, ohne Trost zu bieten, doch auch ohne Verzweiflung, und gibt uns eine zerbrechliche Schönheit zurück, gerade in der Hinfälligkeit des Daseins.

Daniela Ferrari